nav ksf110KanuSport-Freunde e.V. Bremen
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„Den Fluss lesen!“

 

 

Lao-Tse erkannte, dass Wasser das Weichste und Schwächste sei, und doch von nichts darin übertroffen würde, Hartes zu überwinden.

Ein anderer Chinese namens Chuang-tzu erzählte die Geschichte von einem alten Mann, der in eine berüchtigte Stromschnelle gefallen war. Ein Lehrer, der ihn von Ferne gesehen hatte, wollte ihm mit seinen Schülern zur Hilfe eilen. Doch noch bevor sie das Ufer erreicht hatten, stieg der Alte nass, aber fröhlich aus dem Wasser. Auf die Frage des Lehrers, was für eine Technik ihm geholfen habe, die gefährlichen Strudel zu überleben, antwortete er: „Keine besondere. Ich ging mit der Strömung unter und tauchte mit der Strömung auf. Ich habe mich an das Wasser angepasst, ohne gegen seine Übermacht anzukämpfen. Das war alles.“

Die Anekdote, die ich in einem Buch über chinesische Philosophie gefunden habe, bringt auf den Punkt, was mich am Paddeln fasziniert. Ob im Küstenbereich oder im Wildwasser: immer geht es darum, wie der Lauf des Wassers vorhergesehen und zur möglichst mühelosen Fortbewegung genutzt werden kann. Während an der Küste Tide und Wind, manchmal auch Dünung die Fahrt bestimmen, geht es auf schnell fließenden Gewässern darum, den Fluss und seine Turbulenzen zu lesen. Wer genau hinsieht und die Zeichen zu deuten weiß, dem erleichtert ein Kehrwasser die Fahrt oder die Gischt verrät ihm, wo ein gefährlicher Fels unter dem Wasser verborgen ist.

Es gibt wohl kaum ein Wasserfahrzeug, das zunächst dem Wasser so ausgeliefert zu sein scheint, wie das Kajak. Und kaum ein Boot reagiert so sensibel auf Wind und Wellen. Aber gerade diese Nachgiebigkeit macht es so seetüchtig, dass es in seiner Urform seit Hunderten – wenn nicht Tausenden – von Jahren den Inuit in den widrigen Gewässern vor der Küste Grönlands das Überleben sichern konnte.

Wer in einem Kajak – insbesondere einem Eskimokajak – sitzt, befindet sich mehr im Wasser als auf dem Wasser: wegen der Verdrängung liegt der Sitz unter dem Wasserspiegel. Wer sich mit dem Wasser und seinen Bewegungen angefreundet hat, fühlt sich dem Wasser nicht mehr ausgeliefert – sondern fühlt sich im Wasser geborgen.

Dass Paddeln im Wasser und nicht bloß auf dem Wasser stattfindet, liegt aber auch an einer weiteren Besonderheit, die dieser Bootstyp bietet. Wie Fritjof Nansen berichtet, haben die Inuit die Wucht starker, von der Seite kommender Wellen dadurch abgefangen, dass sie bei Eintreffen der Welle gekentert und danach mit der Wellenbewegung wieder hochgerollt sind.

In der chinesischen Philosophie gibt es das Prinzip „Wu Wei“. Übersetzt bedeutet es wohl soviel wie Nicht-Handeln oder Nicht-Erzwingen. In dem Buch über chinesische Philosophie stehen auch noch andere mögliche Übersetzungen: „mit der Maserung gehen, mit dem Stoß rollen, mit der Strömung schwimmen, die Segel nach dem Wind richten, die Gezeiten mit der Flut nehmen“. Mit anderen Worten: mit der Natur, nicht gegen die Natur.