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Weserschaum

 

 

„Guck mal! Es schneit!!“, ruft meine Tochter aus dem Fahrradanhänger, als wir am Weserwehr vorbeifahren. Und tatsächlich: jeder Windstoß erfasst unterhalb des Weserwehrs große weiße Flocken – nicht aus Schnee, sondern Schaum. Aber wie Schnee werden sie vom Wind mitgerissen, wirbeln hoch über die Staustufe, wo sie tanzend auf das scheinbar ruhig dahin fließende Wasser der Mittelweser niedersinken. Von dort treibt der Schaum zum Wehr zurück, wird immer schneller, stürzt in die Tiefe und vereinigt sich hinter der Kaskade wieder in einem schwimmenden Berg. Wenn sich zu viel Schaum angesammelt hat, wird der Kreislauf durchbrochen: der Berg kalbt und ein Teil des Schaums wird von den Turbulenzen in der Walze fortgerissen. Im ruhigeren Wasser breitet er sich dann aus und treibt wie ein Teppich die Weser runter.

Beim erfahrenen Paddler wecken die oft schmutzig-braunen Schaumteppiche unangenehme Erinnerungen. In den 1960er Jahren brachten neue, besonders hartnäckige Chemikalien aus Waschmitteln die europäischen Flüsse zum schäumen. Dr. Hans-Peter Weigel vom Bremer Senator für Bau, Umwelt und Verkehr hat mich hinsichtlich des Schaums vom Weserwehr beruhigen können. Die Schaumentwicklung würde durch pflanzliche Eiweißstoffe verursacht. Die würden etwa bei der Zersetzung abgestorbener Algen frei und werden in der Walze des Wehres „wie zu Eischnee geschlagen“.

Allerdings ist die Grenze zwischen Mensch und Natur bei der Schaumentstehung fließend. Das Algenwachstum wird nämlich von der Wasserqualität beeinflusst. Insgesamt sind Elbe und Weser in den letzten 30 Jahren zwar sauberer geworden. Speziell der Weser kam zugute, dass viel weniger Salz aus dem Kalibergbau in die Werra eingeleitet wird. Die schwer abbaubaren Tenside in den Waschmitteln wurden weitgehend ersetzt und die Haushalte sind fast flächendeckend an Kläranlagen angeschlossen. Trotzdem können diffuse Einträge, etwa durch Gülle oder Kunstdünger, nicht geklärt werden und belasten die Weser weiterhin. Im Sommer kann dies zu einer massenhaften Algenvermehrung führen. Das wiederum hat dann mehr Schaum zur Folge. Entsprechend wird die biologische Wassergüte der Weser weiterhin als kritisch eingestuft. Bewertet wird dies, indem das Vorkommen bestimmter Lebewesen im Gewässer untersucht wird. Wichtige Zeugen für die Qualität des Gewässers sind dabei Insektenlarven, etwa die Larven der Eintagsfliegen, der Steinfliegen oder die merkwürdige Köcherfliegenlarve, die sich aus Sandkörnern oder Holzstücken ein köcherartiges Gehäuse baut.

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Die Eintagsfliegen brauchen ziemlich klare Gewässer. Die größte früher in Europa weit verbreitete Art kommt deshalb nur noch in Ungarn an der Theiß vor. Jedes Jahr im Juni sprechen die Ungarn davon, dass die Theiß blüht (Tiszavirágzás). Massen von Eintagsfliegen schlüpfen dann zugleich und verdunkeln für wenige Stunden den Abendhimmel. Das Massenschwärmen beginnt zuerst an der Mündung und braucht etwa zwei Wochen, um nach und nach die höher gelegenen Flussabschnitte zu erreichen. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Industrie hat die Eintagsfliegenart sich zunächst erholt, ist aber offenbar nur knapp der Umweltkatastrophe von Baia Mare entgangen. Große Mengen von Cyanid hatten sich im Januar 2000 in die Theiß ergossen. Es wäre zu hoffen, dass sich diese Eintagsfliegenart von dort wieder in die anderen europäischen Flüsse ausbreitet. Dann schneit es auch in Bremen bald nicht nur Weserschaum, sondern vielleicht auch wieder Eintagsfliegen!