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nav ksf110KanuSport-Freunde e.V. Bremen
Mitglied im Landes-Kanu-Verband und im Landessportbund Bremen

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Wenn der Moorochs im Röhricht ruft!

 

 

Andächtig lauscht Rainer Wittenberg den Stimmen und hebt zum Zeichen, dass wieder ein Schilfrohrsänger oder eine Rohrammer in das morgendliche Konzert einsetzt, den Finger. Ich bin noch etwas müde und lasse den beginnenden Frühlingstag auf mich wirken, während wir mit der Ebbe flussabwärts treiben. Vom Wümmedeich tönt das Muhen einer Kuh herüber; leise säuselt es im Schilf. Eine Geschichte aus dem Schulunterricht kommt mir in den Sinn: Verfolgt vom Hirtengott Pan gerät eine junge Nymphe zum Ufer des Flusses, wo ihre Schwestern, die Flussnymphen, sie auf ihr Bitten in Röhricht verwandeln. Statt der Nymphe umarmt Pan ein Bündel Schilf. Doch seine Enttäuschung wandelt sich in Faszination für das Geflüster des Windes im Rohr: er schneidet sich eine Panflöte, deren klagende Laute ihn über den Verlust hinwegtrösten sollen.

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Hier an der unteren Wümme ist der Schilfgürtel noch recht üppig. Alte Luftaufnahmen zeigen, dass an vielen anderen Stellen in Deutschland, vor allem an Binnenseen und regulierten Flussufern, das Schilf in den letzten 70 Jahren stark zurückgegangen ist. Das Reet für alte Bauernhöfe muss deshalb oft schon aus Osteuropa oder sogar China importiert werden. Erstaunlicherweise sollen die Halme des Schilfs, die bis zu 4 Meter hoch wachsen können, nur einen kleinen Teil der Pflanzenmasse ausmachen: ein waagrecht kriechender Wurzelstock, das so genannte Rhizom, speichert unterirdisch die Nährstoffe und sorgt neben den Samen für die Ausbreitung. Die vielen Halme sind deshalb oft Teile einer einzigen Pflanze. Schilf spielt für die Selbstreinigungskraft der Gewässer eine wichtige Rolle. Gerade im Tidenbereich veranschaulichen die Schlammschichten zwischen den Halmen, wie es durch die wiederkehrenden Überschwemmungen allmählich zur Verlandung kommt. Das Wachstum des Schilfs entzieht dem Wasser außerdem überschüssige Nährstoffe. Deshalb wird Schilf auch in biologischen Klärstufen verwendet.

 Während im Schilfgürtel außer frühen Sumpfdotterblumen kaum andere Pflanzen wachsen, bieten sie Unterschlupf für viele Tiere. Insekten und andere Kleintiere leben im Schilfgürtel, unter Wasser auch Fischbrut. Die Raupen einer Schmetterlingsart, der Schilfrohreule, leben und verpuppen sich in den hohlen Halmen. Vögel, vor allem Rohrsänger und Rohrammern, flechten kunstvolle Nester ins Schilf oder gehen dort auf Nahrungssuche. Auch brüten Weihen im Röhricht versteckt.

Geheimnisvoll ist die Rohrdommel, eine kleine Reiherart, die bei Gefahr eine Pfahlstellung mit nach oben gestrecktem Schnabel einnimmt. Mit dem Schilf im Wind schwankend ist sie mit ihrem schwarzen, gelbbraunen und weiß gestreiften Körper vom Röhricht kaum zu unterscheiden. Wegen des dumpfen, kilometerweit zu hörendem Balzrufs wird sie in einigen Gegenden „Moorochs“ oder „Mooskuh“ genannt. Leider wird mit dem Schilf auch ihr Ruf immer seltener.

 

Bildnachweis: Rohrdommel, aus: NAUMANN: Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1897.