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nav ksf110KanuSport-Freunde e.V. Bremen
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Baidarka - Die Geschichte der kleinen Boote

 

 

Baidarka, von russisch „Bötchen“, heißt der Kajak der Aleuten, neben dem West-Grönländer der wohl wichtigste Vorläufer moderner Kajaks. Die Aleuten, Bewohner der gleichnamigen Inselkette, wurden zuerst bekannt durch die zweite russische Expedition in den Nordpazifik unter Leitung des dänischen Kapitäns Vitus Bering im Jahre 1741; die Expeditionsteilnehmer waren tief beeindruckt, wie spielerisch und schnell die Insulaner ihre Boote in schwerer See beherrschten.

Bei der Baidarka wird die Kraft der Brandung durch die flexible Konstruktion des Gerüsts unter der Bespannung aus Seelöwenhaut abgefedert. Anders als die eher starre, kantige Konstruktion des Grönlandkajaks haben die meisten Baidarkas einen runden Boden mit vielen biegsamen Spanten aus Holz oder Bein, der sehr zu ihrer Schnelligkeit (und Kippeligkeit) beiträgt. Von den Grönlandkajaks unterscheidet sie auch der geringe Kielsprung: das Heck endet meist flach und stumpf, der Bug war bei vielen Booten schnabelartig geteilt in eine obere und eine untere Hälfte.oek-boeotchen

Über die Funktion dieses doppelten Bugs ist viel spekuliert worden: könnte es dazu dienen, die Wasserlinie zugunsten schneller Geradeausfahrt durch den unteren Bugteil zu verlängern und zugleich das Unterschneiden in der Welle durch den oberen Bugteil zu verhindern? Vielleicht spielen aber auch ganz andere Vorstellungen rein: die Baidarka wurde von den Aleuten mit ihrem beweglichen Skelett, zusammengehalten von Sehnen und bespannt mit Tierhaut, offenbar als eine Art Lebewesen angesehen, auf das sie bei ihren gefährlichen Jagdausflügen angewiesen waren. Dann war es nur angemessen, diesem Lebewesen auch ein Maul zum Atmen zu geben - oder ein Maul zum Beißen:

Die Aleuten nutzten ihre Boote, um in größeren Gruppen Treibjagden auf Seeotter und andere Meeressäuger zu veranstalten. Dabei hetzten die Aleuten das Tier, bis sich schließlich die Gelegenheit bot, es mit Hilfe einer Speerschleuder zu harpunieren. An der Harpunenspitze war eine lange Leine mit Schwimmblase befestigt; so konnten fliehende Tiere auch nach dem Abtauchen weiter verfolgt werden. In ihren leichten Bötchen zogen die Aleuten sogar auf Walfang.

Zum Verhängnis wurden den Aleuten gerade ihre ausgefeilten Jagdtechniken. Anders als die Eskimos Grönlands und Kanadas, die mit der Zivilisation lange Zeit kaum in Berührung kamen, interessierten sich russische Pelztierjäger schon früh für die Aleuten. Nach der Entdeckung durch Bering beanspruchten die Russen die Aleuteninseln und das Festland von Alaska für sich; die Aleuten wurden zur Jagd gezwungen, damit russische Pelztierjäger vom Handel mit den begehrten Seeotter- und Robbenfellen profitieren konnten. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Entwicklung der Baidarka. Von den Aleuten waren zuvor vor allem Einer- und Zweier-Kajaks eingesetzt worden. Die russischen Pelzhändler bevorzugten dagegen Baidarkas mit drei Luken; dann konnten sie sich von zwei Aleuten paddeln lassen. Obwohl die Bevölkerung der Aleuten während der Kolonialzeit immer weiter zurückging, wurden von den Russen große Expeditionen mit Hunderten von Baidarkas ausgerichtet. Während die Aleuten bislang nur für den Eigenbedarf gejagt hatten, wurde innerhalb weniger Jahrzehnte die so genannte Steller’sche Seekuh ausgerottet. Auch die Bestände von Seeottern und Seelöwen auf den Inseln und an der Küste Alaskas gingen nach wenigen Jahrzehnten so stark zurück, dass die Ernährung nicht mehr sichergestellt war. Es kam zu Unruhen der Aleuten gegen die russischen Besatzer und schließlich zu einem Feldzug gegen einen benachbarten Indianerstamm, auf dessen Gebiet die Jagd ausgedehnt werden sollte.

Ebenso wie für die Jagd spielten im Krieg die Boote die entscheidende Rolle: von der Insel Kodiak zog in 350 Baidarkas eine Streitmacht von mehr als doppelt so vielen Aleuten und Russen in das Gebiet des Stamms der Tlingit, begleitet von zwei russischen Expeditionsschiffen. Sie eroberten eine Siedlung an der Stelle der heutigen Stadt Sitka, nachdem die Indianer eines ihrer großen Kanus aus Zedernholz verloren hatten. Untergegangen war damit auch ihr gesamter Vorrat an Schießpulver. Auch im Gebiet der Tlingit gingen die Otterbestände bald zur Neige. Die Russen verluden die Baidarkas auf Schiffe und unternahmen mehrere Expeditionen entlang der amerikanischen Pazifikküste nach Süden und gründeten sogar eine Niederlassung in Kalifornien.

Nicht nur einzelne Tierarten waren von der schonungslosen Jagd betroffen. Vielmehr spielen die Seeotter eine wichtige Rolle im küstennahen Lebensraum des Nordpazifiks. Sie verhindern, dass sich in den ausgedehnten Tangbeständen, den so genannten Kelpwäldern, übermäßig Seeigel ausbreiten und dabei den Tang schädigen. Da die Kelpwälder sehr artenreich sind und als Kinderstube für Fisch dienen, kann die Otterjagd zu Einbußen beim Fischfang führen.

Durch den Raubbau an den Meeressäugern wurde schließlich das Seelöwenfell für den Bau weiterer Baidarkas knapp und musste von der kalifornischen Küste importiert werden. Auf den Aleuteninseln, wo vor Ankunft der Russen etwa 25.000 Einwohner gelebt haben sollen, waren 1910 nur noch knapp 1.500 Aleuten übrig. Um diese Zeit soll auch die letzte Seeotterjagd in Baidarkas stattgefunden haben. Erst 60 Jahre später wurde die Baidarka wiederentdeckt: diesmal nicht für Jagd und Krieg, sondern für Sport und Abenteuer.

 

Bildnachweis: Baidarka mit "Rurik" im Hintergrund, aus: Choris, Vues et Paysages, 1826.