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Von Heeren und Horden. Wanderfische (Teil II)

 

 

Von den Heringszügen, steht schon in Brehms Thierleben, mache sich der Binnenländer schwerlich eine Vorstellung, weil ihm die Berichte der Augenzeugen übertrieben und unglaublich zu sein scheinen. Aber laut Brehm stimmten die Augenzeugen „so vollständig überein, daß wir nicht wohl zweifeln können.“ Es folgt eine Schilderung, nach der „sachkundige Fischer“ in der starken Dämmerung Züge von meilenweiter Länge und Breite „am Widerscheine der durch sie erhellten Luft“ erkennen könnten. Sie zögen so gedrängt, dass Boote, die dazwischen kommen, hochgehoben würden und in Gefahr gerieten; in Ermangelung von Netzen könnten die Fische auch mit Schaufeln ins Fahrzeug geworfen werden - und ein in die „lebende Masse“ gestecktes Ruder würde senkrecht darin stehen bleiben.

Schilderungen aus früherer Zeit verglichen die Heringsschwärme mit riesigen Heerzügen, die vom Eismeer kommend in einer unregelmäßigen Zahl von Regimentern und Divisionen im Winter an unseren Küsten einfallen. Auf jeden Fall ging von den riesigen Schwärmen der Wanderfische eine ungeheure Faszination aus, die sicher auch darin begründet war, dass die gut konservierbaren Fische eine preiswerte Ergänzung der ansonsten kargen Küche der Fastenzeit boten. Ob diese Details der Schilderungen nun wirklich stimmen oder nicht, aus heutiger Sicht klingen angesichts der Überfischung der Fischbestände ältere Berichte über den Fischfang auf Nord- und Ostsee und auf den Strömen der Elbe, Weser und Ems allgemein wie Märchengeschichten.

Zumindest kleinere hoffnungsvolle Ansätze gibt es bei der Erholung der Bestände dennoch: durch die Verbesserung der Wasserqualität von Weser und Elbe und Schutzmaßnahmen haben sich manche Arten (wie z.B. der Stint) vermehrt, andere Arten (wie Lachs und Stör) sollen dauerhaft wieder angesiedelt werden. Eine mit dem Hering eng verwandte Fischart ist die Finte (alosa fallax).

Ebenso wie Fluss- und Meerneunauge soll den Finten auf der Unterweser eigens durch Ausweisung von Schutzgebieten bei Bremerhaven und zwischen Ochtum- und Rekummündung geholfen werden. Wie die beiden anderen Arten verweilt sie auf ihren Laichwanderungen länger im sogenannten Ästuar (dem tidebeeinflussten Unterlauf des Flusses) was auch daran liegt, dass sie sich allmählich zwischen Salz- und Süßwasser umstellen muss. Die Finte wird etwa einen halben Meter lang und ungefähr 2 kg schwer. Verbreitet ist sie in den marokkanischen und europäischen Küstengewässern des Atlantiks bis Südnorwegen, in der Nordsee und der südlichen Ostsee; sie ernährt sich von kleinen Krebstieren, die als Plankton im Meer vorkommen.

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Wenn im April oder Mai das Wasser eine Temperatur von etwa 15°C erreicht, sammeln sich die geschlechtsreifen Fische in den Flussmündungen und ziehen anschließend flussaufwärts zu den Laichgründen. Bevorzugt werden für das Ablaichen gut durchströmte, sandige oder kiesige Flachwasserzonen. Auf der Unterweser laicht die Finte vor allem zwischen UW-km 22,5 und 29 (Rönnebeck bis Elsflether Sand), auf der Elbe etwa am Nordufer des Hanskalbsands. Die Finte setzt nicht auf Fürsorge, sondern auf Masse: bis Anfang Juni legen die Weibchen 20.000 bis 700.000 Eier; da diese etwas schwerer als Wasser sind, treiben sie - bis die Larven schlüpfen - mit der Tide ein paar Tage am Grund der Weser. Die Alttiere kehren nach der Fortpflanzung nach einigen Wochen ins Meer zurück, während die Jungfische noch ein paar Monate in der Weser bleiben.

Bis Mitte des letzten Jahrhunderts spielte die Finte an Elbe, Weser und Ems als Wirtschaftsfisch eine Rolle. Stromregulierung und Gewässerverschmutzung in den Laichgebieten haben jedoch zu starken Bestandsrückgängen geführt, so dass die Art als "vom Aussterben bedroht" gilt. Trotz der starken Veränderungen durch Küstenschutz und Fahrwasservertiefung ist die Unterweser immer noch als Ästuar schützenswert. Dabei ist die Finte nur eine der besonderen dort vorkommenden Arten.

Für den am Grund des Flusses treibenden Fischlaich, die Larven und Jungtiere ist die wichtigste Bedrohung für die Finte wohl die Ausbaggerung. Um den Laichvorgang selbst nicht zu stören, sollten aber auch Wassersportler Rücksicht nehmen und die Laichgebiete gegebenenfalls meiden. Glücklicherweise sorgen die Fische offenbar selbst dafür, dass dem aufmerksamen Paddler ihre Aktivitäten nicht entgehen; wie im Brehm geschrieben steht (und mir Herr Hans-Werner Blank vom Senator für Umwelt in einem Gespräch bestätigen konnte), sind sie dabei nämlich kaum zu überhören: „Die Fischer kennen sie sehr gut, weil . . . sie zuweilen einen Lärm verursachen, als befände sich eine Horde Schweine im Wasser. (...) Während des Lärmens, welches dem Schweinegrunzen nicht unähnlich ist, aber von dem Schlagen mit dem Schwanze hervorgebracht wird, geben sich die fortpflanzungslustigen Fische in der Nähe der Oberfläche ihren Laich von sich und kehren, nachdem dies geschehen, langsam ins Meer zurück, die meisten in einem auffallend hohen Grade entkräftet und abgemagert, so daß man ihr Fleisch ... kaum noch genießen kann.“

Wer beim Paddeln auf der Unterweser zwischen Mitte April und Anfang Juni entsprechende Geräusche hört, muss nicht etwa mit badenden Wildschweinen rechnen, sondern mit laichenden Finten. Zum Schutz Fische sollte das Gebiet dann großräumig umfahren werden.

 

Bildnachweis: Finte, Sprotte, Hering, aus: Brehms Tierleben. Allgemeine Kunde des Tierreichs. Band 8. Dritte Auflage, 1892.