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Meeressäuger - Botschafter der Natur

 

 

Im Juni 1966 musste in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn eine Pressekonferenz zur Nato- und Europapolitik abgebrochen werden. Wie ein Lauffeuer hatte sich unter den Teilnehmern der Konferenz die Nachricht verbreitet, dass auf dem Rhein vor dem Bundeshaus ein weißer Wal schwimmt. Daraufhin waren alle Politiker und Journalisten zum Rheinufer geströmt, um den ungewöhnlichen Gast zu sehen. Laut Nachrichtenagentur AP sei zum ersten Mal in der Geschichte die politische Agenda wegen eines Tieres geändert worden.

Schon in den Wochen zuvor hatte der Wal im Rhein die Zuschauer begeistert und die Gemüter erregt. An der Geschichte des kleinen Wals, die zunehmend zur Leidensgeschichte wurde, war beispielhaft deutlich geworden, was für einen schweren Stand wildlebende Tiere in Deutschland haben. Während die erste Sichtung durch einen Binnenschiffer in Deutschland nur zum Alkoholtest durch die Polizei führte, wartete bald die ganze Republik auf neue Nachrichten von dem Beluga, der bald als „Moby Dick“ in aller Munde war. Aus dem furchterregenden und unberechenbaren Moby Dick bei Herman Melville war ein Mitleid erregendes Geschöpf geworden, das sich in der industrialisierten Umwelt nicht mehr zurechtfand.

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 Der Wal wurde auf seinem Weg fast ständig von Motorbooten oder sogar Hubschraubern mit Journalisten und Schaulustigen begleitet, oft in Gefahr von einer Schiffsschraube verletzt zu werden. Doch unberechenbar war er geblieben: alle Versuche, den Wal wieder auf den rechten Weg zur Nordsee zu bringen, scheiterten. Im Ijsselmeer, kurz vor der Mündung in die Nordsee drehte er ab und schwamm den Rhein wieder ganz rauf bis Bonn. Unterdessen versuchte ein Duisburger Zoodirektor namens Dr. Gewalt, den Wal zu betäuben und in seinem Zoo unterzubringen. Nachdem ihm dies nicht sofort gelang, wurde der Wal von einem Bogenschützen mit einer Harpune beschossen, an der eine orangefarbene Boje befestigt war. Daraufhin warfen Umweltschützer von einem Luftschiff Tausende von Orangen in den Rhein, um die Jagd nach dem Wal durch falsche Fährten zu vereiteln.

Nach einigen Richtungswechseln flussauf- und abwärts war der Wal schließlich abgemagert und durch das stark verschmutzte Rheinwassers sichtlich angegriffen, so dass sein ehemals weißer Körper von hässlichen Flecken übersät war. Kein Wunder, dass das plötzliche Auftauchen vor dem Bundestag als Appell an die Politik verstanden wurde, mehr für die Qualität der Gewässer und den Schutz der Natur zu tun.

Als habe er diesen Auftrag nun erfüllt, schwamm der Wal nach dem Bonner Besuch ohne weitere Umschweife flussabwärts direkt zur Rheinmündung und verschwand in den Weiten der Nordsee. Auch in der Weser finden immer wieder solche Begegnungen mit „Botschaftern der Meere“ statt. So wurden in den letzten Jahren in der Außenweser und Unterweser immer öfter Schweinswale gesichtet. Die Biologin Denise Wenger äußerte gegenüber der Netzzeitung die Vermutung, dass sie dabei Wanderfisch-Schwärme, etwa Finten, verfolgen, die vor allem im Frühling wieder vermehrt die Flüsse hinaufziehen. Noch weiter, bis zum Weserwehr kommen mitunter Seehunde.

Im Frühjahr 2003 war ich aus Frankfurt am Main nach Bremen gezogen, als ich an einem warmen Junitag meinen ersten Bremer Seehund sah. Ich schwamm gerade bei Kenterübungen vor unserem Bootshaus im Wasser, als keine 20 Meter entfernt plötzlich ein Seehund auftauchte und mir interessiert in die Augen blickte. Für mich war diese Begegnung völlig unerwartet, da mir Seehunde bis dahin nur aus dem Meer bekannt waren. Seither habe ich immer wieder mal von einzelnen Seehunden gehört, die bis nach Bremen geschwommen sind, oder sich hier sogar über längere Zeiträume aufgehalten haben. Ein paar mal habe ich auf der Höhe des Weserstadions auch selbst einen schwimmen sehen. Auf der Unterweser treten die Seehunde auch in Rudeln auf. Vor allem wenn sie auf den Sandstränden großer Weserinseln, wie Harriersand oder Strohauser Plate, sonnenbaden, sind sie vom Boot aus gut zu beobachten.

Die geplante Renaturierung des Bremer Weserufers wird sicher keine ungestörten Plätze für sonnenhungrige Seehunde schaffen. Aber eine naturnahe Gestaltung des Naherholungsgebiets Peterswerder könnte dazu beitragen, dass der Nutzungsdruck auf die Strände der Unterweser reduziert wird und die Seehunde deshalb dort mehr Ruhe finden.

 

Bildnachweis: Das Bild heißt "Tümmler" und ist von Friedrich Specht aus "Brehms Tierleben" (1927);