nav ksf110KanuSport-Freunde e.V. Bremen
Mitglied im Landes-Kanu-Verband und im Landessportbund Bremen

 


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Schiff am Fluss

 

 

Über mir ragt die Bordwand wie ein Kliff, auf die der Wellenschlag flimmernde Reflexe der Abendsonne wirft. Ping, ping, ping, klopft der Holländer den Rost vom Deck. Der einfache Takt der Hammerschläge mischt sich mit den volltönenden Gongschlägen einer Ramme von der anderen Flussseite, wo im alten Hafenquartier Fundamente für urbanes Wohnen gesetzt werden. Bei mir überlagern sich die Schlagreihen von beiden Seiten wie die Wasserwellen, die sich an der Bordwand brechen; ihr Rhythmus ändert sich im Zusammenspiel langsam, kaum merklich, bis mit einem Mal ein neues Klangmuster erkennbar wird.

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Ich versuche, mich auf meiner wöchentlichen Trainingsstrecke am eigenen Atem zu orien­tieren: zwei Paddel­schläge, ein Atemzug. So atme ich gleichmäßig den schlickigen Geruch am Strand, den süßlichen Malzgeruch am Brauereianleger, den staubigen Maisgeruch der Getreidesilos des Hafengebietes und - je nach Wind - auch den Kaffeegeruch der Rösterei.

Am Neustädter Hafen, gleich hinter der Eisenbahnbrücke, hebt sich zweimal am Tag mit der Gezeitenwelle ein Segelschiff aus Stahl, bis die Ankerkette knirscht und sich ächzend das Tauwerk spannt, das leicht nach Teer und feuchtem Hanf duftet; zweimal am Tag senkt sich das Schiff bei Ebbe wieder.

Hier riecht es manchmal auch nach frischem Rostschutz und Antifouling. Ein Pärchen aus Holland wohnt auf dem Schiff und arbeitet unablässig an ihm. Doch für vier Hände ist das Schiff offenbar zu groß. Während ein Teilstück vom Rost befreit wird, breitet sich die Korrosion ungestört auf den anderen Teilen aus. Vergeblich versuche ich mich zu erinnern, ob die vielen Änderungen des Schiffs im Detail in den vier Jahren, in denen ich hier regelmäßig vorbeigepaddelt bin, sich wirklich zu einer Änderung des Schiffs im Ganzen addieren.

Als sei den Holländern ihr Traum vom Segelschiff auf hoher See bereits genug. So wie mir das ziellose Paddeln selbst – Fluss ab, Fluss auf – bereits genügt, könnte das Wohnen, Schleifen, Klopfen und Streichen am Fluss eine Heimat geworden sein. Das Wasser steigt, das Wasser fällt wieder; das Deck wird geschliffen, das Deck rostet wieder; das Wasser floss, das Wasser fließt: im Fluss bleibt es das Gleiche.

Bildnachweis: Dieses Bild basiert auf dem Bild Weserhb.jpg‎ der freien Mediendatenbank Wikimedia Commonsund steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Philipp Hertzog.