nav ksf110KanuSport-Freunde e.V. Bremen
Mitglied im Landes-Kanu-Verband und im Landessportbund Bremen

 


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Fahrt zur Ziegeninsel

 

Es ist ein kalter, regnerischer Morgen Ende April und ich fahre mit dem Rad an der Weser Richtung Lankenauer Höft. Am Hafenanleger angekommen, sehe ich unten am Wasser drei Männer. Einer steht auf dem Steg und redet mit zwei, die ein Boot mit Außenborder klar machen. Sie sehen nicht so aus, als würden sie auf jemanden warten. Erst als ich rufe, werden sie auf mich aufmerksam.

Wir hatten das Treffen vor Wochen anonym und eher unverbindlich per E-Mail arrangiert. Danach hatte ich mich nicht mehr gemeldet. Kein Wunder, dass bei dem Wetter keiner mit mir gerechnet hat. Nach kurzem Zögern fällt Michael Abendroth, dem älteren der beiden im Boot, die Verabredung aber wieder ein und ich darf einsteigen. Mir wird klar, warum die anderen Interessenten vom Kanuverband nicht mitkommen durften: mehr als drei Leute passen schlicht nicht in das Plastikboot. Gut, dass der dritte Mann auf dem Steg, ein Angler, nicht mit will.

Heute ist kaum Wind - aber wenn im Hafenbecken bei steifem Nordwest ordentlich Kabbelwasser aufläuft, könne die Fahrt ungemütlich werden, erzählt Abendroth. Im Gegensatz zu mir und dem Studenten, der ihn heute als Praktikant begleitet, hat er Erfahrung: seit mehr als zwei Jahren betreut er die Lankenauer Weserinsel im Auftrag des Umweltverbands BUND. Die etwa 1 km lange und 200 m breite Insel liegt zwischen Unterweser und dem Wendebecken des Neustädter Hafens. Sie ist durch eine nicht begehbare Spundwand mit dem linken Weserufer verbunden. Der Zutritt zur Insel ist verboten. Da sich nur auf der Hafenseite ein Anleger befindet, ist sie für Privatboote praktisch unzugänglich.

Geschützt werden sollen dort die offenen Sandflächen und Magerrasen. Die Biotope sind als Ausgleichmaßnahme mit Baggergut aus der Weservertiefung aufgespült worden. Solche Sandflächen, früher ein typisches Merkmal der norddeutschen Flusslandschaften, sind seit den Flussregulierungen des letzten Jahrhunderts selten geworden. Sie sind ein begehrter Standort für zahlreiche Pflanzenarten, für wärmeliebende Insekten und für Vogelarten, die am Boden brüten.oek-ziegeninsel

Um zu verhindern, dass die Sand- und Magerrasenflächen zuwachsen, wird die Insel beweidet. Ausgewählt wurde dafür eine besonders widerstandsfähige Kreuzung aus Kaschmirziege und einer bul­garischen Ziegenrasse mit geschwungenen Hörnern. Wir suchen am Unterstand der Ziegen Schutz gegen den Nieselregen. Irgendwann bricht doch der Himmel auf. die Ziegen zeichnen sich mit ihrem langen Fell auf der kargen Weide weiß gegen eine düstere Wolkenfront ab. Ich weiß nun wieder, warum ich den Weg auf mich genommen habe.

Durch den Viehtritt werden Sandflächen für Bodenbrüter wie den Austernfischer freigehalten. Es besteht die Hoffnung, dass sich daneben auch Sturmmöwe, Steinschmätzer, Flusssee­schwalbe oder Brandgans ansiedeln könnte. Die Beweidung verhindert, dass sich Büsche und hohes Gras ausbreiten. Dadurch hat sich die Pflanzenvielfalt erhöht. Sogar eine Orchidee hat sich in einem kleinen Wäldchen ausgebreitet. Michael Abendroth freut sich, dass mit dem hohen Gras auch die Zecken verschwunden sind. Allerdings machte ihm bei meinem Besuch Sorgen, dass ein Austernfischerpärchen die Brut aufgegeben hat. Später habe ich von ihm erfahren, dass der zweite Brutversuch dann erfolgreich war und zwei Junge durchgebracht werden konnten.

Foto: O.Dilling