nav ksf110KanuSport-Freunde e.V. Bremen
Mitglied im Landes-Kanu-Verband und im Landessportbund Bremen

 


jugend-reg-2009.jpg

Riffe, Schlote, Kiesbänke. Fremde Lebenswelten am Grunde der Gewässer

 oek-Eisvogel

Auf dem Deck eines Schiffes stehend blende ich fast immer aus, welche Tiefen verborgen unter mir liegen mögen. Nur in seltenen Momenten, wenn Delfine springen oder ein Seevogel nach Fisch taucht, wird mir bewusst, dass der Lebensraum an der Wasseroberfläche nicht aufhört.

 

 

So hat auch unter den blauen Weiten des Nordmeers südwestlich der Lofoten lange niemand exotische Lebensräume vermutet. Dennoch wurde hier vor gut zehn Jahren das größte bislang bekannte Kaltwasserkorallenriff entdeckt, das ca. drei Kilometer breite und 40 km lange Røst-Riff. Im Gegensatz zu den bekannteren tropischen Korallenriffen, die oft direkt unter der Wasseroberfläche wachsen, kommen Kaltwasserkorallen erst in Tiefen unter 300 Meter vor. Auch wegen ihrer Unzugänglichkeit sind diese Riffe bislang kaum systematisch erforscht worden.

oek-kaltkorallen

Lumb zwischen Kaltwasserkorallen (Foto: MAREANO/Institute of Marine Research, Norwegen)

Ein Großteil von ihnen wurde bereits zerstört, bevor ihr unschätzbarer Wert und ihre Schönheit überhaupt bekannt waren. Fischereibetriebe begannen bereits im letzten Jahrhundert mit der Grundschleppnetzfischerei, durch die heute viele dieser Korallenriffe unwiederbringlich zerstört sind. Erst als mit den Korallen auch die Fische ausblieben, kam es zum Umdenken. Seit 1999 hat Norwegen die Grundnetzfischerei im Gebiet bekannter Korallenriffe verboten; in der Folge wurden mehrere Schutzgebiete ausgewiesen.

Verborgene Welten am Gewässergrund – das gibt es nicht bloß im Polarmeer oder in den Tiefen der Ozeane, bei den Lofoten oder gar an den Tiefseeschloten des Mittelatlantischen Rückens, wo heiße Quellen von fremdartigen Lebensgemeinschaften besiedelt sind. Bei einer unserer Ökoschulungen in Bremen hatte der Biologieprofessor Heiko Brunken beiläufig über die Gefährdungen des sogenannten hyporheischen Interstitial gesprochen. „Hypo… was?“ stand auf die 12 Gesichter der Kanusportfreunde geschrieben, die mit zu einer Exkursion an den Kuhgraben gekommen waren. Der Biologe, der sich vor allem mit der Fisch- und Gewässerökologie beschäftigt, lächelte verschmitzt und erläuterte uns geduldig den Begriff. Mir wurde dabei zum ersten Mal klar, warum Kanuwanderer Kleinflüsse bei zu niedrigem Wasserstand nicht befahren sollten.

Das hyporheische Interstitial (was auf Latein etwa „Zwischenraum unterhalb des Flusses“ bedeutet)  findet sich im Kiesbett am Grund und am Ufer von Flüssen. In dem Hohlraumsystem zwischen den Kieseln ist die Fließgeschwindigkeit stark herabgesetzt. Hier finden sich Kleintiere wie Strudelwürmer, Wasserflöhe und Insektenlarven. In den Heideflüssen Niedersachsens laichen auch einige Fischarten wie Forellen oder Äschen auf den Kiesbänken. Nach dem Schlüpfen finden ihre Larven zwischen dem Kies Schutz vor ihren Fressfeinden und vor der Strömung.

Infolge von Entwässerung und Flussbegradigung kam es zu einer Erhöhung der Fließgeschwindigkeiten und der Sedimentfracht. Das heißt, dass die ökologisch wertvollen Kieszwischenräume am Grund der Flüsse zunehmend mit Sand- und Schlammschichten bedeckt werden. Grundberührungen führen daher zu zusätzlichen Störungen eines ohnehin gefährdeten Lebensraums. Schon bei der Fahrtenplanung soll daher darauf geachtet werden, ob vor Ort ein ausreichender Wasserstand zu erwarten ist. 

Olaf Dilling  - Umweltbeauftragter