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Gefangen in Sednas Haaren - Stürmische Zeiten für die ersten Kajaker und Kanuten

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Neulich habe ich zufällig eine Frau kennen gelernt, die für einige Zeit auf einem Atoll im Südwestpazifik lebt. Die Bewohner des Atolls sind bis vor wenigen Jahren kaum mit der modernen Zivilisation in Berührung gekommen. Sie führen bis heute ein ganz einfaches Leben, fahren mit ihren Kanus auf Fischfang und bauen Wasserwurzel an, um sich von den stärkehaltigen Knollen dieser Tropenpflanze zu ernähren.

 

Auf dem Atoll will die Bekannte, eine Ethnologin, untersuchen, wie dessen Bewohner mit dem Anstieg des Meeresspiegels zurechtkommen. Bei Flut ragen die höchsten Punkte der Inseln nur etwa einen Meter aus dem Wasser. Die Küstenlinie erodiert und es wird immer schwieriger, sichere Orte zum Aufbewahren der Kanus zu finden. Außerdem versalzt der Boden, so dass die Ernten schlechter werden. Die Regierung auf dem fernen Festland überlegt, im Laufe der nächsten Jahre alle etwa 500 Bewohner umzusiedeln.

Menschen, die auf traditionelle Weise leben, sind den globalen Umweltveränderungen bislang am stärksten ausgesetzt. Das gilt nicht nur für Kanuten der Südsee, sondern auch für die Inuit, die Erfinder des Kajaks. Ihre bewundernswerten Handwerks- und Jagdtechniken, ja ihre ganze Kultur ist auf die kargen und lebensfeindlichen Eiswüsten und -meere abgestimmt.

Nach der Überlieferung war ihr Jagdglück von einer Göttin namens Sedna abhängig, die am Grunde des Meeres leben sollte. Sedna wuchs als schönes, aber stolzes Inuit-Mädchen auf. Ihr Vater, ein Seehundjäger, verschuldete, dass sie bei einem Sturm auf einer Überfahrt unterging. Im Wasser des Nordmeers fielen ihr die erfrorenen Fingerglieder, mit denen sie sich bis zuletzt am Kajak ihres Vaters festgeklammert hatte, ab. Die Fingerglieder verwandelten sich auf wundersame Weise in Robben, Walrosse und Wale. Sedna selbst wurde zur Herrscherin über die Meerestiere und kontrolliert seitdem vom Grunde der See ihre Wege.

Die Jäger der Inuit achteten diese Tiere, auch wenn sie sie töten mussten, sie fürchteten ihre Rache und versuchen sie zu besänftigen. Ein Inuit namens Ivarluardjuk erzählte dem dänischen Ethnologen Knud Rasmussen, dass die Seele der Beute selbst nach erfolgreicher Jagd weiterlebe. Wenn der Jäger dem Tier übermäßig Schmerzen bereitet habe, sich mit seiner Tat brüste, sein Essen nicht richtig würdige oder anderen nichts davon abgebe, dann würden die Seelen der Tiere blind vor Zorn. Sie würden sich in Sednas langem Haar verfangen, sie kämen dann nicht mehr zu den Jägern.

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Abbildung 1 Allakariallak in „Nanook of the North“ – R. Flaherty (1920)

 

So gab es immer wieder Zeiten, in denen die Nahrung knapp wurde. Schamanen mussten dann eine Seelenreise zum Meeresgrund antreten, mussten Sednas Haare kämmen, dass wieder Friede einkehre zwischen ihr und den Jägern.

Die Beute der Inuit bleibt auch aktuell immer öfter aus. Veränderte und unvorhersehbare Wetterverhältnisse, das Zurückweichen und Brüchig-Werden des Eisrandes, an dem sich die meisten der Meerestiere aufhalten, vereiteln das Jagdglück. Durch den Anstieg des Meeresspiegels und das Auftauen von Permafrostböden werden auch einige ihrer Siedlungen unbewohnbar.

Nun, mag sein, dass nicht alle Veränderungen nur Nachteile bringen: neue Schiffe kommen, neue Reichtümer werden entdeckt. Doch, in den Worten des alten Seehundjägers gesprochen, das „Haar der Sedna“ ist gewaltig in Verwirrung geraten – und noch ist ungewiss, ob und wann es wieder in Ordnung kommt.