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Powerboote in der Lübecker Bucht

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In den Ohren dröhnen - knapp unter der Schmerzgrenze - bis zu 110 Dezibel; Abgase stechen in der Nase. Alle paar Sekunden gibt es einen so heftigen Schlag von unten, so dass es in der Wirbelsäule knirscht und die Magengrube Purzelbäume schlägt. Ein scharfer Fahrtwind bringt die Augen zum Tränen. Keine angenehme Vorstellung. Trotzdem gibt es einige Menschen, die sich das freiwillig in ihrer Freizeit antun und dafür auch noch viel Geld ausgeben. Ein Powerboot verbraucht bei knapp 70 km/h etwa 100 Liter Benzin in der Stunde. Nach drei Stunden ist der Tank leer. Warum also machen die sowas?

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit geht gerade bei Freizeit- und Sportaktivitäten immer auch ein bisschen an die Substanz. "Warum paddelst Du?", hat mich letzten Sommer ein vielleicht dreijähriger Junge gefragt, als ich abends auf dem Rückweg von einer Tour nach Hasenbüren am Woltmarshauser Weseruferpark vorbeikam. "Weil es mir Spaß macht", war meine knappe Antwort. Trotz nasser Hose, zwischenzeitlich starkem Durst, der netterweise durch die Wasserspende einer Motorseglerin gestillt wurde, einer riskanten Begegnung mit einem Binnenschiff vor dem Industriehafen und der Befürchtung, nicht rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein? Doch, es macht Spaß! Aber warum gerade paddeln und nicht beispielsweise eine der zahlreichen anderen Sportarten treiben, habe ich mich weiterpaddelnd gefragt: Die Freude an der Bewegung und an Bootsbeherrschung, sich aus eigener Kraft fortzubewegen. Die spezielle Perspektive, die immer wieder aufregende Naturerlebnisse und malerische Ansichten beschert. Die netten Begegnungen mit anderen Paddlern und Paddlerinnen. Insgeheim frohlocke ich über die Passanten, die vom sicheren Ufer sehnsuchtsvolle Blicke werfen. Kleine Kinder, die erstaunt gucken.

 

Wenn ich mit dem Seekajak auf der fjordartigen Untertrave nach Travemünde paddle und dann hinter der Passat endlich aufs Meer stoße, sind regelmäßig Powerboote zu sehen und vor allem zu hören. Ehrlich gesagt, kann mir ganz gut vorstellen, was den Reiz dieser Freizeitbeschäftigung ausmacht: Auch bei diesen Booten geht es nicht darum, möglichst effizient "von A nach B" zu kommen.

 

 

Travemünder Mole (Foto: Jürgen Hohwaldt auf Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 DE)

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Mit Hilfe von überlegener Technik das weite Meer zu bezwingen, wobei ihre gebändigte Kraft ganz körperlich (z.B. in der Magengrube) zu spüren ist - attraktiv ist das jedenfalls für denjenigen, der direkt am Gashebel und am Steuer sitzt, vielleicht auch für manche "ganz engen" Angehörigen, die sich angesichts der Demonstration der Stärke neben dem Bootsführer geborgen fühlen. Alle anderen, beispielsweise Schwimmer, Surfer oder Paddler, fühlen sich dem Kraftprotzgehabe dagegen eher ausgeliefert - auch angesichts eines Unfalls vor Pelzerhaken, bei dem vor zwei Jahren ein Surfer ein Bein verloren hat.

Der Reiz hat aber auch mit der Landschaft der Lübecker Bucht zu tun. Aus der Perspektive eines Powerboot-Fahrers muss sie wie ein großes natürliches Theater erscheinen, in dem die Bühne geflutet ist. Es gibt in dem großen Rund Logenplätze, nämlich mondäne Promenaden mit Villen, modernen Luxushotels und aufgegebenen Leuchttürmen, und billige Plätze auf dem bewaldeten Steilufer mit steinigen FKK-Stränden und dazwischen eine lange Kette solider Badeorte für den Familienurlaub mit Strandkorb und Kurtaxe. Die Strände sind im Sommer voll mit mehr oder weniger gelangweilten Urlaubern und Kindern, die aufs Meer schauen und jede Ablenkung aufgreifen. Wenn ein Powerboot voll aufdreht, hallt die Dröhnung von einem Ufer der Bucht bis zum anderen. Nicht bloß ein einzelner kleiner Junge, tausende kleine Jungen fragen sich dann wohl, "Warum machst Du das?"

Es geht also ums Sehen und Gesehen- (und vor allem auch Gehört-)werden. Nur ist das "Publikum" am Ufer nicht unbedingt sehnsuchtsvoll, und auch nicht (wie regelmäßig von Powerbootfahrern behauptet, die sich gegen Restriktionen wehren) neidisch, sondern zunehmend schlicht genervt. Es hat sich seine Rolle nicht ausgesucht, sondern bekommt sie aufgezwungen. Weil eine lokale Geschwindigkeitsbegrenzung in der Lübecker Bucht vor Gericht keinen Bestand hatte, gibt es außerhalb einer schmalen Sicherheitszone für Badende laut NDR immer noch "kein Tempolimit auf Badegewässern".