nav ksf110KanuSport-Freunde e.V. Bremen
Mitglied im Landes-Kanu-Verband und im Landessportbund Bremen

 


Esensham-2011-Foto-von Detlev-Kalter.jpg

Rücksicht auf sich selbst: Rücksicht auf die Natur

 

 

oek-EisvogelIch sitze am Schreibtisch, der Montag ist genau genommen seit ein paar Minuten vorbei, es ist also nach Mitternacht, aber im Rücken spüre ich noch die Tour vom Wochenende: Ums Kreuzbein bin ich etwas unbeweglich, konnte mich heute Morgen kaum gerade aufrichten oder bücken und wenn ich mich unvorsichtig bewege, schmerzt es sogar etwas.

 

Es war eine schöne Strecke bei frühlingshaftem Wetter mitten im Februar. So nehme ich das Leiden als eine Art Souvenir in Kauf. Die "Faltbootwanderer" hatten uns mit auf die Lehrde genommen, ein kleines Heideflüsschen, bei Visselhövede eher noch ein Bach, der hinter Stemmen in die Aller fließt. Von Erlen beschattet schlängelt sie sich durch Wiesenland vorbei an bewaldeten Geesthügeln und Binsenrieden. Typische Wasserpflanzen sind flutender Hahnenfuß und Wasserstern; hier soll auch die grüne Flussjungfer, eine seltene Libelle, und der Fischotter vorkommen. Menschen sind nicht viele zu sehen: zwei Jäger auf der Pirsch, höflich, aber verstohlen grüßend; irgendwann ein Pulk rastloser Radsportler mit neongelben Trikots, die eine Brücke queren, kurz bevor wir hintereinander darunter durch paddelten; an der Autobahnbrücke lärmen Kraftfahrzeuge.

Eigentlich war die Strecke nicht lang, etwa 20 Kilometer, und die Lehrde fließt relativ zügig durch die norddeutsche Tiefebene, aber im Winter ist Paddeln eben beschwerlicher. Außerdem mussten wir Acht geben: Der Wasserstand war niedriger als geplant und wir mussten immer wieder Hindernisse bewältigen, einmal über eine flache Brücke umtragen; wir sind über Wehre gerutscht und mussten dabei aufpassen, unten nicht auf Steine aufzusetzen; wir sind unter Stegen, quer liegenden Bäumen und in den Fluss ragendes Gebüsch gepaddelt. Wir mussten uns dabei tief bücken, um uns nicht den Kopf zu stoßen. Die ungewohnte Bewegung war auf Dauer belastend; daher kommt wohl der Schmerz im Kreuz.

Vielleicht werde ich auch alt, so die spöttische Vermutung eines besonders trainierte und schnellen Paddlers, als ich ihm beim Abladen der Boote am Verein mein Leid klagte. Tatsächlich kann ich mich in den letzten beiden Jahren an kaum eine größere Tour erinnern, bei der ich nicht auch ein kleines körperliches Problem hatte, sei es schmerzende Hand- oder Ellbogengelenke, sei es eingeschlafene oder verkrampfte Beine - oder wie jetzt eben der Rücken. Von Sonnenbrand und Blasen an den Händen ganz zu schweigen.oek-urftDie Urft, Fritz von Wille, 1907.

Aber es ist nicht bloß Verfall. Bei jeder Tour gibt es auch etwas zu lernen: Manchmal sind es ganz einfache Einsichten, beispielsweise, an Sonnencreme zu denken. Manchmal bin ich aber auch erstaunt, etwa als ich im letzten Sommer gemerkt habe, dass Gelenkschmerzen in den Handgelenken und Ellenbogen schlagartig aufhören, wenn ich beim Paddeln aus den Hüften heraus den ganzen Oberkörper drehe und nicht bloß mit den Armen am Paddelschaft reiße.  

Beim Paddeln soll man den "Fluss lesen", also nicht gegen die Kräfte der Natur arbeiten. Das ist eine alte Einsicht. Aber nicht nur der Lauf des Wassers und die darunter verborgenen Steine, sondern auch der Körper macht sich bemerkbar, wenn wir zu schnell und zu direkt wollen und an zu weit gesteckte Ziele.

Egal, ob ich verbissen darauf los keule oder ob ich mich schlaff hängen lasse: Es ist dann Zeit, inne zu halten und daran zu denken, wie sich Fische in ihrem Element bewegen. Gering, aber gezielt sind ihre Bewegungen und weil der Widerstand, der ihr Körper dem Wasser bietet, ebenso gering ist, kommen sie dennoch gut voran. Ihr Weg führt von Stein zu Stein, die dahinter liegenden Kehrwasser ausnutzend. Viel Kraft scheint dafür gar nicht nötig. Das Beispiel inspiriert, so dass ich wieder eine Weile mit lockerer Spannkraft und beschwingtem Rhythmus paddeln kann.

Rücksicht auf die Natur und die Sorge um sich selbst sind eng verbunden. An Grenzen zu gehen, das schenkt uns wertvolle Erfahrungen, aber es schränkt zugleich unsere Spielräume ein. Wer am Ende seiner Kräfte ist, trägt sein Boot ungern um, wenn der Fluss zum Befahren zu flach wird. An unsere Grenzen sollten wir uns herantasten. Große Touren erfordern zur Vorbereitung kontinuierliches Training. Wer auf sich selbst nicht Rücksicht nehmen mag, kann es am Ende auch nicht auf andere.

 

Olaf Dilling - Umweltbeauftragter