nav ksf110KanuSport-Freunde e.V. Bremen
Mitglied im Landes-Kanu-Verband und im Landessportbund Bremen

 


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Gegen den Strom auf der Unterweser

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Zwischen Säbelschnäbler und Schwerlastverkehr

"Hat!" ruft der Schlagmann im Rhythmus unserer Paddelschläge, die uns kräftig vorantreiben - der Septembersonne entgegen, bis wir an der Geestemole die Weser erreichen. Olaf Knoke erklärt mir, dass das Kommando, auf Hawaiianisch in der langen Version 'Hut! Hut! Hoe!' geschrieben, das Signal für die Mannschaft ist, um mit dem Paddel die Seite zu wechseln. Schnell muss das gehen, um nicht aus dem Schlag zu kommen. Ich stelle mich etwas ungeschickt an, will mit beiden Händen gleichzeitig umgreifen und zugleich zur optimalen Kraftübertragung den Fuß auf der Paddelseite entlang der Bordwand vorschieben. Statt einer fließenden Bewegung gerät das Manöver zur hektischen Flatterpartie und ich habe den Takt der anderen, es sind neben mir noch drei Männer und zwei Frauen an Bord, verloren. Ich bin noch mit mir und meinem Paddel beschäftigt, als von hinten die Autofähre nach Nordenham herandampft.

Da wir auf der Bremerhavener Seite weseraufwärts wollen, ist sie mit uns auf Kollisionskurs. Gut, dass Olaf als Steuermann direkt hinter mir aufpasst und unser Auslegerkanu weiter auf westlichem Kurs hält, so dass wir auf den großen, langen Wellen der Fähre schaukeln, während der nun deutlich spürbare Ebbstrom uns ein gutes Stück seitlich Richtung Außenweser versetzt. Sobald die Fähre vorbei ist, wendet Olaf nach hart backbord, wir nehmen wieder Fahrt auf. Auch ich schaffe es nun, mich unter seiner Anleitung in den Rhythmus unserer gemischten Mannschaft einzufügen.

Bald erreichen wir den Blexer Bogen, wo die Unterweser gegenüber von Nordenham eine Art Kehrwasserzone bildet, so dass wir trotz des ablaufenden Wassers flussaufwärts gut vorankommen. Hier gibt es Flachwasserbereiche mit ausgedehnten Brackwasserwatten. Oft sind hier Säbelschnäbler zu sehen, schwarz-weiß gefiederte grazile Watvögel, die mit ihrem nach oben gebogenen Schnabel Kleintieren aus dem feuchten Schlick sieben. Dabei bewegen sie ihre Köpfe auf typische Weise seitwärts, um möglichst große Teile der Schlick- oder Wasseroberfläche zu erfassen.

Olaf findet nun, wo wir uns im ruhigeren Nebenfahrwasser befinden, Muße, ein bisschen über das Revier zu erzählen. Die Unterweser ist eine Seeschifffahrtsstraße und kein ruhiger naturbelassener Fluss. Bei Bremerhaven sind die Ufer befestigt; durch die zahlreichen Vertiefungoek saebelschnaeblerSäbelschnäbler auf Texel Andreas Trepte, www.photo-natur.de, CC-BY-SY 2.5en des Fahrwassers ist die Strömungsgeschwindigkeit und der Tidenhub seit mehr als 100 Jahren beständig gestiegen. Beim Paddeln kann die starke Tidenströmung wie ein Lift genutzt werden, um bei geschickter Fahrtenplanung lange Touren zu machen. Aber die Probleme überwiegen: Ufer erodieren und Nebenfahrwasser verschlicken. Trotzdem kommen neben den Seevögeln auch seltene Wanderfische zum Laichen in die Unterweser. Ihnen folgend sind im Frühjahr im Blexer Bogen regelmäßig Schweinswale zu sehen. Von Seehunden ganz zu schweigen. 

Wer kann sagen, wo die genauen Grenzen zwischen erträglichen und zu starken Eingriffen in die Natur verlaufen? Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg soll demnächst über die Zulässigkeit einer weiteren Weservertiefung befinden. Nach europäischem Recht soll ein guter ökologischer Zustand der Flüsse erhalten oder wiederhergestellt werden. Im Blexer Bogen gibt es nun noch einen weiteren Konflikt. Hier soll mit staatlichen Geldern ein Schwerlasthafen gebaut werden, um Offshore-Windkraftanlagen zu verladen. Für die Säbelschnäbler und für die Paddler auf der Unter- und Außenweser war das erst mal eine schlechte Nachricht. Ökologisch wertvolle Brackwasserwatten und Kehrwasserzonen werden dafür überbaut und es war zunächst fraglich, ob das Paddeln im Blexer Bogen überhaupt möglich bleibt. Auf einem ausführlichen, mehrtägigen Erörterungstermin mit Naturschutzverbänden und einem weiteren Gespräch zwischen Bremen Ports und dem Landes-Kanu-Verband, wurde im letzten Herbst deutlich, dass der Schwerlastterminal zumindest für Paddler passierbar bleibt. Sogar eine Notausstiegsstelle soll eingerichtet werden. Auch den Säbelschnäblern sollen ersatzweise neue Lebensräume zur Verfügung gestellt werden, die hoffentlich dauerhaft Ausgleich schaffen.

Olaf Dilling - Umweltbeauftragter